Mensch und Kirche

Diskussionsforen für Themen des Alltags mit Schwerpunkt religiöse und soziale Fragestellungen
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BeitragVerfasst: 19. April 2016 21:32 
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Gerechtigkeit, gerechte Entlohnung und fairer Handel sind zu recht wichtige und diskutierte Themen gerade in kirchlichen Medien, auch in unserer Bistumszeitschrift "Christen heute". Einigkeit herrscht meist, daß das wirtschaftlichen Folgen des eigenen Handels zu bedenken sind. Allerdings sind die wirtschaftlichen Folgen des eigenen Handelns schwer zu durchschauen.
Ein Paradebeispiel dafür liefert "Christen heute" selbst mit seinen Buchbesprechungen der letzten Monate. Hier standen Buchtipps über Außenseiterproduktionen im Mittelpunkt: Bücher von Kleinverlagen, selbstverlegenden Autoren, Vereinen usw. "Special interest"-Titel, die im Allgemeinen und im heutigen Medienbetrieb oft untergehen und nicht beachtet werden. Soweit -so gut, honorig und lobenswert!

Dumm wird es nur wenn ein Großteil dieser Selbstverleger, Nebenerwerbsverleger ect. nicht in der Lage oder Willens sind, die Kosten für ihre Produkte sachgerecht zu kalkulieren - und bewußt oder unbewußt den "schwarzen Peter" den BuchhändlerInnen vor Ort zu schieben.

Heute ist so ein Vorgang wieder mal auf meinem Schreibtisch gelandet. "Christen heute" besprach am Jahresanfang den Titel: "Von allem etwas", einer wirklich gut gemachten und lesenwerten Graphic Novel für Kinder, die die Erinnerungen von Helga Becker-Leeser über ihre Kindheit als Jüdin in der NS-Zeit erzählt, vertrieben vom Heimatverein Dülmen für 9,80 € (gebundener Ladenverkaufspreis).

Als erfahrenem Buchhändler und Verleger kamen mir schon beim Lesen des Ch-Artikels böse Ahnungen (ähnliche Fälle hatten wir bei Ch ja bereits schon): 9,80 € als gebundener Preis eines solchen Buches ist bei der zuvermutenden Auflage nur möglich, wenn mit erhebliche Fördermitteln subventioniert wird - oder eben wenn auf Kosten des Buchhändlers kalkuliert wird.
Nun war klar, daß verschiedene Institutionen gefördert hatten, also konnte man die Hoffnung haben, daß alles in Ordnung gehen würde. Also nehme ich im Februar die Bestellung eines Ch-Lesers über ein Exemplar an und bestelle direkt ein zweites Exemplar für meine entsprechende Abteilung im Laden mit. Wenn ich also beide Exemplare verkaufe, werde ich also 19,60 € Umsatz gemacht haben.

Der Ärger nimmt seinen Lauf mit der Zusendung der beiden Bücher durch den Heimatverein Dülmen. Da liegt nämlich eine Rechnung bei, die sich auf 19,40 € beläuft und keine Vorsteuer ausweist (Müssen/dürfen Kleinunternehmer bzw. Körperschaften nicht.) Für mich als Händler ist aber der Umsatz auf jedenfall zu versteuern. Zwar nur 0,64 €, aber immerhin. Wenn ich dann also irgendwann beide Exemplare für 19,60 € verkauft haben werde, werde ich dafür 20,04 € bezahlt haben. Sozusagen ein negativer Arbeitslohn

Was also tun? Mal wieder die Faust in der Tasche, wie man das als Buchhändler so häufig tut, wenn Amateure und ander merkwürdige Zeitgenossen Bücher machen und die Buchhändler bluten lassen : denn alles was man als Buchhändler prinzipiell rechtlich machen kann, wird zusätzlich Geld und Arbeit kosten. Trotzdem entscheide ich mich dafür am 18.02. 2016 dem Verein folgenden Brief zu schreiben. Vielleicht ist es ja nur Gedankenlosgkeit, Unwissenheit und kein böser Wille....:

"Sehr geehrte Damen und Herren,
herzlichen Dank für die Zusendung der bestellten zwei Exemplare „Von allem etwas“, welche Sie im Verzeichnis lieferbarer Bücher als preisgebunden gemeldet haben. Leider entspricht Ihre Rechnungstellung nicht den gesetzlichen Vorschriften. Laut Buchpreisbindungsgesetz sind sie als buchpreisbindender Verleger verpflichtet dem bestellenden Buchhändler durch Ihre Vorkalkulation eine „auskömmliche“, d.h. mindestens kostenabdeckende Handelsspanne zu gewährleisten. Dies ist bei Ihrer Rechnungstellung für jeden erkennbar nicht der Fall: Der von Ihnen festgelegte (gebundene) Ladenpreis der gelieferten Ware beträgt zusammen 19,60 € (2x 9,80 €). Ihr Rechnungsbetrag beläuft sich auf 19,40 €. - Schon allein diese Differenz würde von keinem deutschen Gericht als „auskömmliche Handelspanne“ gewertet.
Hinzu kommt allerdings noch, daß Sie als Verein bzw. Kleinunternehmer keine Rechnungen mit Umsatzsteuerausweis erstellen. Der Buchhändler also keine Vorsteuer abziehen kann, sondern die gesamte Steuerlast für diesen Vorgang trägt, bei einem Umsatz von 19,60 € sind dies bei Büchern immerhin noch 0,64 €.
Mit anderen Worten: Ihre Partner im Buchhandel zahlen pro Exemplar 0,22 € mehr als sie Umsatz dran haben. Von einem Verdienst, geschweige denn von einem Entgelt für die hausinternen Kosten (Bibliografieren, Bestellen, Auspacken, Verkaufsgespräch etc.), ist gar nicht zu reden.

Sie werden verstehen, daß ich diese Rechnungsstellung so nicht akzeptieren kann und erwarte von Ihnen eine korrigierte Rechnung.

Darüber hinaus sollte sich der Verein darüber im Klaren sein, daß er mit solchen Preisgestaltungen resp. Rechnungsstellungen das eigene Anliegen an der Verbreitung der Bücher konterkariert.

Mit freundlichen Grüßen

Winfried Ohlerth
Buchhandelsfachwirt
Buchhändler, Verleger und Publizist
"

Zwei Monate lang tut sich -nichts.

Da ruft gestern die Kassenwartin des Vereins an und beklagt im Empörungston, daß die Rechnung noch nicht bezahlt sei: Ich verweise auf mein Schreiben und darauf, daß ich immer noch der Korrektur der Rechnung harre. Dann rechne ich der Dame vor, daß es hier keinerlei Handelspanne gibt. Deutlich kleinlauter verspricht sie sich wieder zu melden.

Das geschieht dann auch: der Verein sei bereit mir 1,10 € entgegenzukommen, außerdem könne man die Rechnung nicht korrigieren, da der Verein ja nicht mehrwertsteuerpflichtig sei.
-Ich erkläre ihr nochmals, daß der Hase woanders im Pfeffer liegt und überweise ihr die 18,30 €. -Um den Kopf frei zu haben, für Wichtigeres.

Ärgern tut es trotzdem. Und ich kann nur hoffen, daß sich bald ein Kunde des zweiten Exemplars erbarmt.


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BeitragVerfasst: 19. April 2016 21:50 
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Hm. ob der Adressat für dieses Problem nicht eher der Gesetzgeber wäre, dass dieser Misstand beseitigt wird?

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Zeig Dich, nur ein bisschen, dass ich gehen kann....


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BeitragVerfasst: 19. April 2016 22:17 
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Rheinmaus hat geschrieben:
Hm. ob der Adressat für dieses Problem nicht eher der Gesetzgeber wäre, dass dieser Misstand beseitigt wird?


Das Buchpreisbindungsgesetz ist eigentlich eindeutig genug. Allenfalls könnte der Gesetzgeber überlegen, daß bestimmte Formen des Preisbindungsverstoßes wie in Frankreich staatsanwaltlich verfolgt werden sollten. Der privatrechtliche Weg, der in Dtl. favorisiert wird, ist für den einzelnen Geschädigten sehr aufwendig und daher kaum zu beschreiten -was immer wieder schamlos ausgenutzt wird.

Mir geht es eigentlich auch mehr darum, daß in den entsprechenden Redaktionen wie zum Beispiel in "Christen heute" beim allem Enthusiasmus jenseits des Mainstream liegende Publikationen zu besprechen, die Frage von deren korrekten und fairen Vertrieb nicht ausgeblendet wird.


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BeitragVerfasst: 19. April 2016 23:33 
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winnie hat geschrieben:

Ärgern tut es trotzdem. Und ich kann nur hoffen, daß sich bald ein Kunde des zweiten Exemplars erbarmt.


@Winnie

Leg mir das Büchlein mal zur Seite. Ich schicke dir eine PN..... :ja:

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Das Gesetz und die Propheten reichen bis zu Johannes; von da an wird das Evangelium vom Reich Gottes verkündigt, und jeder drängt mit Gewalt hinein.

Evangelium nach Lukas 16, 16

Hic fuit


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BeitragVerfasst: 20. April 2016 00:27 
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Vanni145 hat geschrieben:
winnie hat geschrieben:

Ärgern tut es trotzdem. Und ich kann nur hoffen, daß sich bald ein Kunde des zweiten Exemplars erbarmt.


@Winnie

Leg mir das Büchlein mal zur Seite. Ich schicke dir eine PN..... :ja:



Okay, mach ich.


Aber nochmals zurück zu der Frage, was man in den (ehrenamtlichen) Redaktionen von Zeitschriften machen kann, um beim Erstellen von Rezensionen das Problem des korrekten und fairen Vertriebs nicht auszublenden: nun - das machen, was ich in meiner Nebentätigkeit als Publizist auch mache , wenn ich eine Rezension für eine Zeitschrift schreiben will bzw. einen solchen Auftrag annehme. Ich schreibe diesen Kleinverlag/Selbstverleger/Verein an, daß eine Rezension geplant ist, wer für eventuell auftauchende inhaltliche Fragen zuständig ist und wie man sich den Vertrieb denkt. Konkret frage ich nach der Preisbindung des zu besprechenden Titels, nach dem Verlagsgrundrabatt für Buchhändler, Gewichten und Lieferwegen usw.

Ohne stimmige Antworten gibt es keine Rezension des Titels. Und alle Redaktionen hatten bisher auch volles Verständnis dafür, wenn ich den Rezensionsauftrag dann zurückgegeben habe.


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BeitragVerfasst: 25. April 2016 14:00 
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Nachtrag: nach der Öffentlichmachung des Vorganges habe ich umgehend eine korr. Rechnung vom Dülmener Heimatverein bekommen -über die 18,30 € ohne MWSteuer-Ausweis. So daß ich im Falle eines Verkaufs beider Exemplare dann 18,94 bezahlt haben werde und der Betrag von 66 Cent , aus dem ich dann meine Kosten für Bibliografieren, Bestellung, Wareneingang, Prüfung, Zuordnung, ggfs. Kundenbenachrichtigung, ev. Geschenkverpackung, Kassieren, Verbuchung decken muß, "übrigbleibt".

Ich denke, es ist beimn Heimatverein Dülmen angekommen, daß er mit dieser Buchpreisbindung auf 9,80 € auf Kosten der Buchhändler arbeitet, und hoffe, daß sich da in Zukunft einiges ändert.

Das von mir angesprochene Problem bleibt aber: es gibt sehr viele Selbst-, Klein- und Nebenverdienstverleger, die zwar ihre Bücher als preisgebunden eintragen lassen, aber selbst keine hinreichende Handelsspanne gewähren.
Und es gibt gerade im kirchlichen Sektor viele Zeitschriften, die sich die Frage nach dem Vertriebsweg des rezensierten Buches nicht stellen.


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BeitragVerfasst: 25. April 2016 18:18 
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techAdmin

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IMO hat das Problem relativ wenig mit dem Thema "Gerechtigkeit" zu tun - eher von Inkompetenz auf Seiten Deines Lieferanten.

Und Du hättest das Buch ja auch nicht kaufen müssen - die Konsequenz war Dir ja wahrscheinlich schon vorher klar (die meisten Vereine sind ja bekannterweise nicht vorsteuerabzugsberechtigt).

Oder anders ausgedrückt: Vermutlich wirst Du zukünftig vor dem Kauf von Medien beim Lieferanten nachfragen, ob Du Vorsteuern ansetzen kannst...


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BeitragVerfasst: 25. April 2016 20:37 
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Lothar1962 hat geschrieben:
IMO hat das Problem relativ wenig mit dem Thema "Gerechtigkeit" zu tun - eher von Inkompetenz auf Seiten Deines Lieferanten.


Jein, mit Inkompetenz hat es sicher sehr viel zu tun. Leute, die sicher in ihrem eigenen Beruf, als Lehrer, Wissenschaftler, Designer usw. sehr gut sind, glauben bei der Vorkalkulation und dem Vertrieb keinen Rat zu brauchen "Das machen wir dann eben mal".
Und mit Gedankenlosigkeit im wirtschaftlichen Handeln. (Welche Folgen hat mein Handeln zwingend für andere, zunächst Ungbeteiligte?) Insofern ist es doch ein Fair-Trade-Thema.

Das Problem ist auch nicht der einzelne Fall oder ein einzelner inkompetenter Lieferant, sondern eben das sich in diesen Gefilden des Marktes die Inkompetenten tummeln. So daß eine Buchhandlung, die ihre Pflicht zur Einhaltung der Buchpreisbindung ernst nimmt und gleichzeitig dem Kunden gegenüber keine Nichtlieferbarkeit der fraglichen Titel "türkt" , hier massenhaft Geld verliert. Selbst bei kleineren Unternehmen geht der jährliche Schaden hier in die Tausende.

Lothar1962 hat geschrieben:
Und Du hättest das Buch ja auch nicht kaufen müssen - die Konsequenz war Dir ja wahrscheinlich schon vorher klar (die meisten Vereine sind ja bekannterweise nicht vorsteuerabzugsberechtigt).


Nicht ganz. Erstens gehört es ja zum gesellschaftlichen Auftrag des Buchhandels jedes lieferbare Buch auch zu beschaffen. Zweitens gibt es bei den Titelmeldungen im "Verzeichnis lieferbarer Bücher" Rubriken, aus denen hervorgeht (hervorgehen soll), ob der Titel preisgebunden ist oder nicht, und ob der Lieferant vorsteuerabzugsfähige Rechnungen ausstellt oder nicht (Diese Rubriken werden nur von den -nennen wir sie mal- Inkompetenten meist falsch ausgefüllt, und damit dem Buchhändler falsch gemeldet.) Drittens ist das Problem auch nicht der fehlende Vorsteuerabzug allein, sondern daß die gesamte Handelsspanne falsch vorkalkuliert worden ist. (Das führt natürlich dazu, daß manche Buchhandelsunternehmen Kundenbestellungen aus Kleinverlagen generell abblocken, weil dieser unbekannte Verlag ja einer der Kandidaten sein könnte, die unfair vorkalkulieren. Nur dann hat man sich aus dem obengenannten gesellschaftlichen Auftrag des Buchhandels ganz verabschiedet.)


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BeitragVerfasst: 25. April 2016 22:37 
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John Der Echte

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Das ist ärgerlich. Aber dahinter steht Dilettantismus, kein böser Wille. Die Selbstverleger denken nicht an den Buchhandel als Vertriebsweg und sind dann ganz erstaunt, wenn der Buchhändler nach einem normalen Rabatt fragt. Im Börsenblatt gab es früher doch so eine Rubrik 'Liebling der Woche' oder so mit besonders krassen Beispielen. Da hättest Du das gut einreichen können.


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BeitragVerfasst: 26. April 2016 07:11 
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techAdmin

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winnie hat geschrieben:
Nicht ganz. Erstens gehört es ja zum gesellschaftlichen Auftrag des Buchhandels jedes lieferbare Buch auch zu beschaffen.


Des Buchhandels - ja. Des Buchhändlers - nicht unbedingt. Beim einzelnen Buchhändler würde ich die Einschränkung "im Rahmen des wirtschaftlichen Handelns" ergänzen. Tut er das nämlich nicht, ist er irgendwann kein Buchhändler mehr. Ich bin der Auffassung, dass im Zweifelsfall der betriebswirtschaftliche Gesichtspunkt wichtiger ist als ein wie auch immer gearteter Auftrag. Denn der Buchhändler muss sich auch wirtschaftlich darstellen können.

Zitat:
Drittens ist das Problem auch nicht der fehlende Vorsteuerabzug allein, sondern daß die gesamte Handelsspanne falsch vorkalkuliert worden ist.


Als Buchhändler würde ich bei eher unbekannten, kleinen Verlagen eine Voranfrage nach den Konditionen machen. Was leicht ist, wenn man ein Buch in den eigenen Bestand kauft, was aber nur schwer geht, wenn man selber eine Kundenanfrage hat und die eigentlich abarbeiten sollte und nicht ohne weiteres nach Auftragsannahme sagen kann "liefere ich Ihnen nicht, da ich draufzahle". Vor allem letzteres Argument ist inzwischen ein wenig unglaubwürdig, seit es das Lieblingsargument von Ärzten ist, wenn sie auf hohem Niveau meckern.


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BeitragVerfasst: 26. April 2016 10:17 
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John Der Echte

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Naja. Ich würde als Buchhändler einem Kunden nicht unbedingt einen Wunsch abschlagen. Wenn es ein guter Kunde ist, würde ich zähneknirschend auch mal ein Minusgeschäft aushalten, weil ich weiß, dass sich der Kunde darüber freut und auch weiter eifrig bei mir kauft.

Aber es wäre doch legitim, bei der Bestellung anzugeben, dass eine Lieferung nur akzeptiert wird, wenn Buchhandelsrabatt gewährt wird. Selbst wenn der Verlag nur 20% Rabatt gegeben hätte, hätte Winnie nicht draufgelegt. Viel verdient freilich auch nicht.


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BeitragVerfasst: 26. April 2016 12:25 
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JHNewman hat geschrieben:
Das ist ärgerlich. Aber dahinter steht Dilettantismus, kein böser Wille.


Im oben angesprochenen Falle des Heimatvereins Dülmen sehe ich das auch so.


Bei diversen Selbstverlegern, die sich ja auch in Sozialen Netzwerken rumtreiben und dort Werbung für sich machen, wage ich das zu bezweifeln. Häufig sind es gerade die Herrschaften, die mit ihrer Preisfestlegung dem Buchhändler keine (auskömmliche) Handelsspanne gewähren, die sich dort coram publico lauthals beschweren, daß der Buchhandel ihre Meisterwerke nicht so richtig zu würdigen weiß. (Und sich auch nach diskreten Hinweis auf wirtschaftliche Zusammenhänge und gestzliche Normen als beratungsresistent erweisen.)




JHNewman hat geschrieben:
Die Selbstverleger denken nicht an den Buchhandel als Vertriebsweg und sind dann ganz erstaunt, wenn der Buchhändler nach einem normalen Rabatt fragt. Im Börsenblatt gab es früher doch so eine Rubrik 'Liebling der Woche' oder so mit besonders krassen Beispielen. Da hättest Du das gut einreichen können.


Ja, solche Typen hat es immer gegeben. Nur fielen die früher -vor zwanzig, dreißig Jahren -kaum ins Gewicht. Da hatte man mal so einen Kandidaten dazwischen, hat sich geärgert und weitergemacht. Heutzutage gibt es wesentlich mehr dilenttantierende Selbstverleger und schräge Vögel, die grundsätzlich der Meinung sind, bestimmte Normen gälten nicht für sie. Heutzutage gibt es keine "Lieblinge der Woche" im Börsenblatt mehr, weil es überhand genommen hat. (Ich habe vorletzte Woche noch eine ebenfalls selbständige Kollegin gesprochen und beraten, die mit solchen Problembestellungen locker auf 25% Ihres Bestellvolumens kommt! Und das ist dann in der Tat wirtschaftlich tödlich.)

@Lothar: auf den Bestellformularen etc. steht immer schon drauf "Bitte liefern Sie zu Buchhandelskonditionen....". Insofern ist es dann eine bedingte Bestellung. -Nützt nur nichts wenn, der Lieferant vom Buchpreisbindungsrecht etc. keine Ahnung hat bzw. es ignoriert, die Einzel-summen aber zu niedrig sind, um ggfs rechtlich dagegen vorzugehen.
In der Praxis helfen wir uns so, daß wir entsprechende Listen mit den Lieferanten, von denen wir aus Erfahrung wissen, daß sich definitiv nicht an die gesetzlichen Vorgaben halten, führen. Kommen Kundenbestellungen zu einem Titel dieser Kandidaten rein, sagen wir den Kunden wie es ist: daß sich der Lieferant nach unseren Erfahrungen nicht an die Vorschriften hält, er das Privileg der Buchpreisbindung in Anspruch nimmt, ohne sich auch an die damit verbundenen Pflichten zu halten und unsere Kosten nicht einkalkuliert. Wir daher zu dieser Preisangabe das Buch nicht besorgen können.
Kunden, die das Buch trotzdem haben wollen und ein Interesse daran haben -und das sind die meisten Stammkunden - es trotzdem über uns zu beziehen, können dann eine Vereinbarung treffen, daß sie Mehrkosten übernehmen. Wir selbst dürfen dem Kunden diesen Weg eigentlich nicht vorschlagen.


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BeitragVerfasst: 17. Mai 2016 11:23 
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Meine „Testsuche“ mit der ISBN brachte dieses Ergebnis:
Örtlicher Buchhändler, Thalia, Weltbild und buch.de: kein Treffer, nicht gelistet.
Amazon, buecher.de: Buchtitel wird eingeblendet aber nicht lieferbar, keine Preisangabe.
Sowas passiert mir öfter bei der Suche abseits von Mainstream-Veröffentlichungen, es existiert also offensichtlich eine schwarze Liste der schwarzen Schafe unter den Kleinverlegern.

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Gesunde Skepsis ist der beste Schutz vor fundamentaler Gewissheit, die immer nur eine trügerische sein kann.


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BeitragVerfasst: 17. Mai 2016 14:22 
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paul-jacob hat geschrieben:
Meine „Testsuche“ mit der ISBN brachte dieses Ergebnis:
Örtlicher Buchhändler, Thalia, Weltbild und buch.de: kein Treffer, nicht gelistet.
Amazon, buecher.de: Buchtitel wird eingeblendet aber nicht lieferbar, keine Preisangabe.
Sowas passiert mir öfter bei der Suche abseits von Mainstream-Veröffentlichungen, es existiert also offensichtlich eine schwarze Liste der schwarzen Schafe unter den Kleinverlegern.


Kurzer Test bei "Osiander":

http://www.osiander.de/webdb/index.cfm? ... source=UWK

Preis mit Bild.....Besorgungstitel, wird in ca. 14 Tagen geliefert

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BeitragVerfasst: 17. Mai 2016 16:24 
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paul-jacob hat geschrieben:
Meine „Testsuche“ mit der ISBN brachte dieses Ergebnis:
Örtlicher Buchhändler, Thalia, Weltbild und buch.de: kein Treffer, nicht gelistet.
Amazon, buecher.de: Buchtitel wird eingeblendet aber nicht lieferbar, keine Preisangabe.
Sowas passiert mir öfter bei der Suche abseits von Mainstream-Veröffentlichungen, es existiert also offensichtlich eine schwarze Liste der schwarzen Schafe unter den Kleinverlegern.


Jein, eine ausgesprochene "schwarze Liste" existiert nicht. Es gibt allerdings vom Sortimenterausschuss beim Börsenverein des Buchhandels herausgegeben eine sogenannte "gelbe Liste" von Verlagen, die bekannterweise gegen Sinn und Buchstaben des Buchpreisbindungsgesetzes verstoßen bzw. nur direkt an Endkunden liefern wollen. Diese Heftchen hatten meine Mitarbeiter und Auszubildenden immer neben dem Computer liegen, um so im Zweifelsfall direkt bei der Bestellung des Kunden nachschlagen zu können, ihm den Sachverhalt zu schildern und eine entsprechende Behandlung des Bestellwunsches zu gewährleisten. Zu einer Löschung aus dem VLB führt diese Listung aber nicht.

Bei den Nichtlieferbarkeitmeldungen, die Du mitunter dann erlebt hast, kommen dann schon noch andere Faktoren zu tragen.

Ich versuche das mal kurz zu erläutern an dem Beispiel von oben, das Du wohl auch gesucht hast: 978-3-00-050390-0

Der Verlag ist für den Eintrag in das Verzeichnis lieferbarer Bücher selbst verantwortlich. Er sollte nach dem Willen des Gesetzgebers den Buchpreis gewissenhaft und kompetent ( für den Buchhandel vor)kalkuliert haben. Das Verzeichnis lieferbarer Bücher ( nicht zu verwechseln mit der Deutschen Nationalbibliografie) ist die Referenzdatenbank für die aktuelle deutschsprachige Buchproduktion hinsichtlich Titel, Ausstattung und Preis der Bücher. Es enthält zur Zeit ca. 1.700.000 damit als lieferbar gemeldete deutschsprachige Titel aus 21000 "Verlagen", wovon ca. 7000 "echte" Verlage sind. (Der Rest besteht aus Selbstverlegern, Vereinen, Instituten etc., die jeweils ein, zwei vielleicht sogar ein dutzend Bücher lieferbar haben.)
Unser Beispiel sieht dort (nach der Änderung vom 18.3.2016) so aus:
Dateianhang:
VLB-scr.jpg




Wie gesagt, daß ist der Datensatz, den der Buchhändler aus dem VLB bekommt. Das VLB ist in einer vereinfachten Form ist übrigens für jeden OttoNormalVerbraucher unter dem Portal http://www.buchhandel.de nutzbar. Hier kann der Kunde übrigens auch das Buch bei einer Buchhandlung in seiner Nähe (Postleitzahlbereich) bestellen und seine Lieblingsbuchhandlung voreinstellen. Der Eintrag des bestreffenden Buches sieht so aus:
Dateianhang:
buchh-scr.png


Neben dem VLB haben die großen Zwischenhändler ihre eigenen (Lager)kataloge. Diese Großhändlerlager und ihre Kataloge konzentrieren sich ihrerseits auf die 500.000 bis 1.000.000 gängigsten und aktuellsten Titel, die sie von den Verlagen einkaufen und an die Buchhändler weiterverkaufen, in dem sie über Nacht die bestellte Ware aus dem eigenen Lager liefern. Dadurch entsteht ein Rationalisierungseffekt. Buchhändler A bekommt täglich nicht 100 verschiedene Sendungen von 100 verschiedenen Verlagen, sondern -idealerweise- 90 Bücher von einem Lieferanten über Nacht und die restlichen Zehn (, die die Großhändler nicht haben) ein paar Tage später von den Verlagen selbst. Problematisch wird es für den Buchhändler selbst bei gewissenhaft vom Verlag vorkalkulierten Büchern, wenn der Anteil einzelnen Verlagskleinbestellungen zu hoch wird: Denn der Portoanteil kann dann die Handelsspanne schon soweit auffressen, daß die restlichen Kosten nicht mehr gedeckt sind.
Hinzukommt, daß nicht nur das VLB Geld kostet, sondern auch die Kataloge der Großhändler teuer bezahlt werden müssen. Daher neigen einige BuchhändlerInnen dazu -und werden von bestimmten Betriebsberatern darin noch bestärkt- auf die Lizenz des VLB zu verzichten und nur mit dem jeweiligen Großhändlerkatalog zu arbeiten: hier sind ja die Titel drin, die ihnen ihr Brot bringen. Im VLB sind ne Menge Titel, die Brot fressen. Also existiert für einen Teil der kleinen Geschäfte vor Ort nur das, was im Großhändlerkatalog ist. Aber auch bei den Filialisten, wo die einzelnen Abteilungsleiter sehen müssen, daß sie monatlich ihren Deckungsbeitrag erwirtschaften, neigt man zu dieser unguten Lösung.

Bei Amazon nun haben wir eine andere Variante: die ziehen ihre Daten aus dem VLB (und verschlechtern die Daten dabei erheblich). Titel, die Amazon selbst nicht bei bereits erwähnten Großhändlern bezieht, müßte es entweder selbst an Lager haben oder über den Amazonmarketplace via einem dritten Händler zugänglich machen. Tut es aber nicht, weil die Handelsspanne zu gering ist. Eigentlich müßte es melden: "Titel führen wir nicht". Amazon täuscht aber gerne die Kunden in Richtung einer prinzipiellen Vergriffenheit mit der mißverständlichen Floskel "nicht verfügbar". Entsprechendes gilt für "buecher.de".


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